GPLcontemporary | PARALLEL: Stefan Waibel
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PARALLEL: Stefan Waibel

PARALLEL: Stefan Waibel

Posted by gplcontemporary in News
Wir zeigen auf der Parallel Vienna 2021 STEFAN WAIBEL im Haus B - Raum B220

IDEAL NATURE MACHINE(S)

Lucas Gehrmann

„Man findet in der Wirklichkeit keine Paradiese, wie sie auf der Leinwand Claude Lorrains erstrahlen. […]

Kurz, auf der ganzen Oberfläche der Erde wird man kei- nen Punkt finden können, von dem aus gesehen die Komposition der Landschaft für ein künstlerisches Auge nicht irgendeinen Fehler enthält“, ließ Edgar Allan Poe 1847 seinen Besucher der „idealen“ Gartenarchitektur des Guts zu Arnheim sinnieren. Auch wenn die „einzelnen Bestandteile“ einer naturgegebenen Land- schaft „jedes Menschenkünstlers Hohn“ sprächen, bedürfe „die Zusammenset- zung dieser Teile“ doch stets der gestaltenden Verbesserung durch diesen. Was E. A. Poe hier nicht ohne Ironie zum Thema des Verhältnisses zwischen Kunst/ Künstler und Natur schrieb, hat sich seit dem damals beginnenden industriellen Zeitalter längst auf ein „globales“ Missverständnis zwischen Zivilisation und Na- tur ausgedehnt. Und während im Zuge einer jetzt nicht mehr „ästhetisch“-gestal- tenden, sondern technisch-ökonomisch (de)konstruierenden „Verbesserung“ der Natur diese als gewachsene Landschaft zusehends verschwindet, schießen aus den Böden urbaner Großräume wie vormals die Pilze heute die künstlichen Welten High-Tech-gestützter („Indoor“-) Freizeit- und Erlebnisparks …

Nicht ohne (kritische) Ironie thematisiert auch der Künstler Stefan Waibel seit Jahren vorrangig das aktuell besonders prekäre Verhältnis zwischen Mensch und Natur. In seiner jüngsten, 2008 begonnenen Serie mit dem Titel Ideal Na- ture Machine bedient er sich dabei zunächst des zur künstlerischen Darstellung von Wirklichkeit altbewährten Mittels der „Illusion“: in abgedunkelten Räumen wiegen sich farbenfroh leuchtende Gräser und Blumen im sanften Wind, mär- chenhaft überdimensioniert wie bei Alice im Wunderland, und manchmal nimmt auch ein libellenartiges Tier Platz auf einer der Pflanzen. Als BetrachterInnen fühlen wir uns hineingezogen in diese räumlichen, makroskopischen „Rasenstücke“ der Jetztzeit, die zur kontemplativen Betrachtung einladen ähnlich wie ein unter freiem Himmel wogendes Kornfeld.

„Alle Prozesse sind reversibel und es geht keine Energie (durch Reibung, Tur- bulenzen etc.) verloren“, lautet die physikalische Definition einer „idealen Ma- schine“ – deren Gesamtsystem sich damit stets im Gleichgewicht befindet. Wie wunderbarer erst müsste eine „Ideal Nature Machine“ funktionieren – ver- heißt sie uns nicht die Lösung des Problems der Inkompatibilität der Sprachen der Natur und der Technik? Stefan Waibel holt uns nach den ersten Blicken auf seine solche Koinzidenzen versprechenden Installationen zweifach auf den Boden der Realität zurück: erstens über das Wörtchen „ideal“ im Titel der Arbeit, das also auf die nur ideale Vorstellung von einer solchen Maschine verweist (wie auch schon die „ideale Maschine“ allein deshalb nicht existiert, weil wirklich in der Natur vorkommende Prozesse stets irreversibel sind), und zweitens werden wir bald nach dem Eintritt in sein „Wunderland“ bemerken, dass dessen einzelne Bestandteile weniger „jedes Menschenkünstlers Hohn sprechen“, sondern schlichtweg aus Eisen, Aluminium und Epoxidharzfarbe bestehen sowie durch Ventilatoren und UV-Licht zum Leben erweckt werden, welche, wie der Künstler sagt, „jede Menge Energie verbrauchen. Die ganze Maschine wendet sich quasi gegen das, was sie abbildet …“

Der Illusion folgt somit die Desillusionierung auf dem Fuße, wodurch Waibels Ideal Nature Machine(s) dann doch (kunstvoll) funktionieren: als „Apparate“ sowohl zur Erzeugung ästhetisch-sinnlicher Genüsse als auch zur Evokation reflektierender Gedanken zu einem Thema von andauernder und gerade heute höchster Brisanz.

06 Sep 2021